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„Wir wollen nicht vorschreiben, wie jemand Familie oder Privatleben lebt“

„Wir wollen nicht vorschreiben, wie jemand Familie oder Privatleben lebt“

Mit welchen betrieblichen Maßnahmen Unternehmen Beschäftigte bei der Vereinbarkeit von Privatleben und Beruf unterstützen können und warum sich das lohnt, zeigt das Gebäudemanagement Schleswig-Holstein AöR.

Auf etwa 330. 000 Personen erhöht sich die Arbeitskräftelücke bis zum Jahr 2035, errechneten die Fachhochschule Kiel und das Kieler Institut für Weltwirtschaft. Das sind etwa zehnmal so viele wie 2022. Für Bewerbende ist flexible Arbeitsgestaltung ein wichtiger Entscheidungsfaktor und laut „Unternehmensmonitor Familienfreundlichkeit 2023“ leiden nur 19 Prozent aller familienfreundlichen Arbeitgeber unter zu hoher Fluktuation.

Das Gebäudemanagement Schleswig-Holstein AöR (GMSH) mit 1.700 Beschäftigten ist ein Arbeitgeber, der mehrfach für seine familienfreundliche Unternehmenskultur ausgezeichnet wurde und unter anderem Mitglied im Netzwerk „Erfolgsfaktor Familie“ ist. Der Impuls, die Vereinbarkeit zu fördern, ging vor mehr als 15 Jahren vom Leiter des Geschäftsbereiches Personal aus, um mit GMSH als Arbeitgeber attraktiv zu bleiben. Wobei für die Umsetzung mehrere Geschäftsbereiche zusammenarbeiten.

Sabbatical 
Ole Jürgensen verzichtete auf Gehalt und segelte dafür auf der Ostsee.


Unterschiedliche Maßnahmen und Bedürfnisse

Wie Unternehmen Mitarbeitende unterstützen können, Privatleben und Beruf in Einklang zu bringen, hängt von den individuellen Lebensentwürfen ab. „Wir wollen nicht vorschreiben, wie jemand Familie oder Privatleben lebt“, sagt Jennifer Gillmann aus dem Servicebereich Personal- und Organisationsentwicklung.

Von verschiedenen Arbeitszeitmodellen, mobilem Arbeiten, Homeoffice und flexiblen Arbeitszeiten profitieren alle Mitarbeitenden, und Workation sowie Sabbaticals sind gängige Praxis. „Nachdem mein Bruder verstorben ist, habe ich beschlossen, einmal nicht nur das berufliche Projekt vorrangig zu sehen, sondern etwas zu tun, das mir am Herzen liegt, solange ich es gesundheitlich kann“, sagt zum Beispiel Projektleiter Ole Jürgensen. Ein Jahr lang erhielt er 75 Prozent seines Gehalts und nahm zusätzlich vier Wochen Urlaub, um vier Monate auf der Ostsee zu segeln.

Für Eltern gibt es ein Kontingent bei den Company-Kids, Kinderferienprogramme und Notfallbetreuungsmöglichkeiten vor Ort. Die GMSH erarbeitet aber auch individuell abgestimmte Angebote. Tahani Ayub, Kauffrau für Bürokommunikation und Mutter von vier Kindern, bekam im Vorstellungsgespräch den Vorschlag, ihre Ausbildung 2021 in Teilzeit zu absolvieren. Die Berufsschule besuchte Ayub regulär, bei der GMSH betrug ihre Wochenarbeitszeit 30 statt 38,7 Stunden.

Bei mentalen Belastungen im Job bietet die GMSH interne Beratungen, interne und externe Coachings sowie eine 24-Stunden-Lebenslagenberatung über den „pme-Familienservice“ an. „Wir wissen, wie wichtig Ausgleich, Erholungszeiten und Pausen für eine effektive, produktive, fokussierte Arbeit sind“, sagt Gillmann. Studien bestätigen den positiven Effekt auf Motivation, Leistungsbereitschaft und Fehlzeiten. 

Erfolgsfaktor Familie

Familienfreundlichkeit ist ein echter Wettbewerbsvorteil, deshalb unterstützt das, u.a. von der DIHK initiierte, Netzwerk Unternehmen dabei, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu verbessern. Holen auch Sie sich Ideen aus der Praxis und profitieren Sie vom Erfahrungsaustausch.



Text: Jessica Benjatschek, Bild: Ole Jürgensen