Politisches Parkett
Schleswig-Holsteins grüne Revolution
„Carbon2Business“ von Holcim in Lägerdorf ist neben der Batteriefabrik bei Heide das verheißungsvollste grüne Projekt im Land. 2028 geht dort eines der weltweit ersten klimaneutralen Zementwerke in Betrieb. Viel wird zurzeit über das „klimaneutrale Industrieland“ gesprochen. Aber ist dies wirklich die Jahrhundertchance für Schleswig-Holstein?
Auf 81 Meter Höhe lässt sich das Holcim-Gelände in 360 Grad überblicken: Im Westen die Kreidegrube, die wie eine Mondlandschaft anmutet. Im Süden der Windpark mit 16 Windkrafträdern, deren Strom ins Netz eingespeist wird. Hier im Kreis Steinburg trifft die alte fossile Welt auf die neue saubere Welt. Hier wird sie erprobt – die klimaneutrale Zementindustrie. In einer mit reinem Sauerstoff betriebenen Ofenlinie und einer CO2-Aufbereitungsanlage soll das Klimagas nahezu vollständig aus der Abluft entfernt und als Rohstoff in der Industrie weiterverwendet werden. Klingt fast zu gut, um wahr zu sein.
Ich treffe Projektleiter Sven Weidner auf der Baufläche, die etwa halb so groß ist wie ein Fußballplatz. Der 38-jährige Ingenieur aus Altona leitet das etwa 30-köpfige Projektteam. Beton bleibe unverzichtbar, erklärt mir Weidner. Fabriken, Häuser, Brücken, Windkrafttürme, ganze Städte würden auch morgen daraus erbaut. „CO2-Emissionen sind bei der Zementherstellung unvermeidbar. Zwei Drittel werden beim Erhitzen des Rohmaterials freigesetzt. Diese Emissionen lassen sich auch mit regenerativen Energien für den Betrieb des Zementofens nicht vermeiden“, sagt Weidner.
Bild rechts:
Nachhaltigkeit
Zement und Klimaneutralität? Projektleiter Sven Weidner erklärt.
Grüne Transformation
Die produzierende Zementindustrie gehört weltweit zu den größten Emittenten. Allein in Lägerdorf sind es mehr als 1 Million Tonnen Kohlendioxid pro Jahr. „Deshalb bauen wir eine Anlage, die ein Vorbild für die Dekarbonisierung unserer Industrie sein wird“, betont Weidner. Im März fand der Spatenstich mit Politprominenz statt. „Ein Musterbeispiel für die grüne Transformation“, sagte Wirtschaftsminister Robert Habeck. „Die Zukunft beginnt im Energiewende-Land Nummer eins”, setzte Ministerpräsident Daniel Günther noch einen drauf. Aber ist diese grüne Technologie die Zukunft? Oder ist sie selbst noch grün hinter den Ohren?
Klimaneutrale Technologien und Dekarbonisierung seien derzeit noch nicht wettbewerbsfähig und hätten noch eine steile Lernkurve vor sich, erläutert Dr. Klaus Thoms als Energieexperte der IHK zu Kiel. Doch sie seien alternativlos: „Die Umstellung auf klimaneutrale Industrien kann nachhaltig Arbeitsplätze schaffen und die regionale Wertschöpfung sichern.“ Schleswig-Holstein setze mit Pionierprojekten wichtige Meilensteine auf dem Weg zur Klimaneutralität. Thoms: „Das stärkt unsere Position als attraktiver und innovativer Wirtschaftsstandort mit einer aufkeimenden klimaneutralen Industrie.“ Oder, um es mit den Worten der IHK Nord zu sagen: „Come to where the power is“.
Hitze
Überdimensionale Lüfter kühlen das Drehrohr des Ofens in Lägerdorf.
Um den Norden mit seinen Standortvorteilen als Drehscheibe für Erneuerbare zu erhalten, müssten Unternehmen entlastet werden, fordern die IHKs. Entbürokratisierung und Beschleunigung der Genehmigungsverfahren seien der größte Hebel, um die klimafreundliche Zementproduktion voranzubringen, betont auch Holcim. Grüner Beton sei teurer und werde in Ausschreibungen gegenüber konventionell produzierten Baustoffen benachteiligt. Stattdessen wäre es sinnvoll, ihn künftig verpflichtend in öffentlichen Ausschreibungen zu berücksichtigen.
Klimafreundlichkeit ist Kooperationsaufgabe
Innovative Konzepte dieser Kragenweite entstehen selten im Alleingang – es braucht Kooperation und Partnerschaft zwischen Industrien, Unternehmen, Wissenschaft. In Lägerdorf arbeitet Holcim eng mit Thyssenkrupp und Linde zusammen. Mindestens genauso wichtig sei die Unterstützung aus der Politik: von der EU über den Bund und die Länder bis auf die kommunale Ebene.
So hat das Land im Mai mit den größten Industrieunternehmen aus den Bereichen Chemie, Zement und Raffinerie eine Realisierungsvereinbarung zur klimaneutralen Transformation unterzeichnet. Das Ziel: Treibhausgase sollen eingespart und zugleich die nachhaltige Wettbewerbsfähigkeit sowie die Versorgungssicherheit gestärkt werden. Experten sind sich einig: Schleswig-Holstein hat die besten Voraussetzungen für den Wandel: ein großes Angebot an Erneuerbaren, Zugang zu internationalen Seewegen und den Anschluss an das Wasserstoffkernnetz.
Fakt ist: Die EU muss gesetzlich bis 2050 klimaneutral werden, Deutschland bis 2045 und Schleswig-Holstein will dieses Ziel sogar 2040 erreichen. Einen mittleren dreistelligen Millionenbetrag investiert Holcim in Lägerdorf. Die EU fördert das Projekt mit rund 110 Millionen Euro. Nicht immer gestalte sich die Vergabe solcher Gelder unproblematisch, betont Dr. Klaus Thoms. „Wir beobachten, dass komplexe Fördermittelvergaben, Regulierung und Genehmigungsverfahren die Unternehmen in ihren Bemühungen ausbremsen und die Transformation gefährden.“ Auch deshalb fordert die IHK zu Kiel einen runden Tisch Defossilisierung unter Beteiligung von Landespolitik, der Industrie, Wirtschafts- und Umweltverbänden und wissenschaftlichen Forschungsinstituten.
Politisches Parkett
Das ungewollte Klimagas CO2 als Rohstoff für die Industrie – das klingt noch schwer vorstellbar. Aber der Bedarf an kohlenstoffbasierten Rohstoffen in der Industrie ist enorm. Zum Beispiel in der Chemieindustrie: Das Bundesforschungsministerium schätzt ihn in Deutschland auf 21 Millionen Tonnen im Jahr – die zu rund 90 Prozent aus fossilen Quellen wie Erdgas, Erdöl oder Kohle gedeckt werden. Windeln, Sportschuhe, Autoreifen oder auch Medikamente können daraus entstehen.
Wettbewerbsfähigkeit stärken
Welche Chancen stecken in diesen grünen Mega-Projekten? IHK-Experte Thoms hat dazu eine klare Einschätzung: „Die wirtschaftlichen Vorteile einer klimaneutralen Industrie sind erheblich. Stellen Unternehmen und Volkswirtschaften früh-zeitig auf klimaneutrale Produktionsprozesse um, stärken sie ihre Wettbewerbsfähigkeit. Innovationsförderung und wirtschaftliches Wachstum gehen bei der Dekarbonisierung immer mehr Hand in Hand.“
Das erhofft man sich in Lägerdorf – auch wenn es trotz politischer Rückendeckung noch viele Baustellen gibt. Zurück im Zementwerk in Lägerdorf schreiten wir unter dem Drehrohrofen der Linie 11 hindurch. Das Rohr wird mit überdimensionierten Lüftern gekühlt, trotzdem spüre ich die abstrahlende Wärme auf meiner Haut. „Um diesen Markt zu entwickeln, muss vor allem Infrastruktur aufgebaut werden. Dazu zählen Pipelines, Zwischenspeicher und Umschlaghubs für den Schiffstransport, aber auch rechtliche Regelungen für den Transport“, sagt Projektleiter Weidner. Um der Wirtschaft einen rechtssicheren Handlungsrahmen zu setzen, hat die Bundesregierung im Mai ihre Carbon-Management-Strategie verabschiedet.
Weidner berichtet mir, dass der finanzielle Druck für Unternehmen wachse, denn die Preise der Zertifikate im CO2-Emissionshandel steigen. Das gelte auch für die
Bedeutung von Klimafreundlichkeit seitens von Investoren und Bauherren. „Carbon2Business ist genau das Gegenteil von Greenwashing. Das Projekt ist ein Leuchtturm für die Dekarbonisierung einer Industrie, deren Emissionen heute als unvermeidbar gelten. Ein ‚Weiter so‘ kann es schon wegen der Folgen der Erderwärmung nicht geben“, sagt Weidner.
Schleswig-Holstein digitalisieren und dekarbonisieren: Erfahre hier mehr
Text: Karsten von Borstel, Bild: Peter Lühr