Wenn das Private zum Beruf wird
Die Wirkung von Influencern ist unbestreitbar. Was früher in Café oder Kneipe an Erfahrungen ausgetauscht wurde, ist heute ein digitales Geschäftsmodell - mit beachtlichem Wachstum. 61 Prozent kaufen mit höherer Wahrscheinlichkeit eine Marke, wenn bestimmte Influencer sie verwenden. Neben Mode und Reisen sind insbesondere Familienthemen nachgefragt und machten Mama-Blogs zu einem echten Berufszweig.
Marisa Hart ist Bloggerin, Schriftstellerin, Hörbuchsprecherin und Fotografin aus Schönkirchen bei Kiel. Ihren an Eltern gerichteten Blog „Baby, Kind und Meer“ gründete sie 2012 und gewann damit mehr als 500.000 Leserinnen und Leser im Monat. Ihre Kinder-, Kreativ- und Jugendbücher begeistern heute Tausende. Wir haben sie gefragt: Kann Familie der Inhalt der eigenen Arbeit sein? Und was passiert, wenn mein „Produkt“ erwachsen wird?
Es ist Montagvormittag, ich schließe mein Studio auf und gehe alle To-dos des Tages durch: Ein Manuskript muss Korrektur gelesen, ein Cover besprochen, ein anderes Buchkonzept verfeinert werden. Es stehen zwei Videodrehs an – inklusive anschließendem Videoschnitt, meine Community wartet auf Neuigkeiten in meinen Instagramstorys, ich muss dringend ein Reel posten, bevor das Thema an Bewandtnis verliert, und dann wäre da noch der Berg E-Mails ...
Während ich das Kopfchaos sortiere, indem ich meinen Schreibtisch und Laptop mit Post-its bestücke, ist mein Mann zu Hause bei den Kindern, kümmert sich um den Haushalt, Einkäufe und Hausaufgaben. Doch wie jeden Tag weiß ich, dass es einige Aufgaben gibt, die ich später mit nach Hause nehmen werde, weil es dafür der Expertise meines Mannes bedarf. Diesen Teil der Arbeit werden wir zusammen erledigen, sobald unsere Kinder schlafen.
Mit dem Begriff Influencer verbinden viele Menschen das Bild einer Person, die jeden Tag ein wenig in die Kamera spricht und lächelt und ansonsten ein locker-leichtes Leben führt. Doch eines kann ich ganz sicher sagen: Das Dasein als Influencerin kostet viel Arbeit, Zeit und Kreativität und bedeutet eine ständige Abhängigkeit von diversen Firmen, Internetplattformen und Algorithmen.
Damals – noch in Zeiten vor Instagram, TikTok & Co – begann meine Karriere mit der Erstellung eines persönlichen Blogs. Ich war mit meinen zwei Töchtern zu Hause, mein Mann arbeitete als Schiffbauingenieur, und mir fehlte die kreative Herausforderung im Alltag. Und so begann ich damit, etwas zu tun, das mir schon mein Leben lang Spaß gemacht hatte: dem Schreiben. Allerdings nicht mehr nur für mich privat, sondern öffentlich im Internet. Dass sich daraus eines Tages ein richtiger Beruf entwickeln würde, der mir gleichzeitig den Weg zu dem ebnete, was ich wirklich werden wollte – nämlich Schriftstellerin – hätte ich damals nicht für möglich gehalten. Und dafür bin ich jeden Tag dankbar. Es ist ein Privileg, mit seiner Berufung Geld zu verdienen.
Die Themen auf meinen Kanälen haben sich in den letzten Jahren sehr verändert. Wenn es damals um Schwangerschaften, Babyspielzeug und frühkindliche Meilensteine ging, so geht es heute um meine Tätigkeit als Schriftstellerin, Bücher, meine Liebe zu Harry Potter, das Reisen und Themen aus dem Alltag mit Pre-Teens. Als Contentcreatorin im Familienbereich verändern sich die Inhalte meiner Posts und Videos mit unserem Privatleben, denn ich berichte stets über das, was mich im echten Leben umtreibt. Mittlerweile geht es auf meinen Kanälen nicht mehr primär um unsere Familie und dennoch wird sie immer am Rande mitspielen, weil sie zu mir gehört, meinen Alltag bestimmt, meine Persönlichkeit formt und mich zu Themen inspiriert, über die ich schreiben, reden und mich austauschen möchte. Dennoch gibt es eine deutliche Grenze zwischen Beruf und Privatem. Am Ende des Tages bleibe ich die Regisseurin meines öffentlichen Lebens und teile mit der Welt nur das, was ich zeigen möchte.
Wenn ich heute zurückblicke, bin ich sehr froh, dass ich damals den Mut hatte, mir meine eigene kreative Existenz aufzubauen und sehr stolz, heute meine sechsköpfige Familie davon ernähren zu können. Sowohl meine früheren als auch meine heutigen Inhalte standen schon immer unter dem Motto: aus einer Familie für Familien.
Damals waren es familiäre Einblicke, mit denen ich andere Familien inspirieren wollte. Heute sind es Bücher, die ich für Familien schreibe. Und ich bin sehr froh, so nahbar und greifbar für viele Familien zu sein, denn Familien sind unsere Vergangenheit, unsere Gegenwart und unsere Zukunft. In allen Belangen.![]()
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