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Politisches Parkett

Hochexplosive Chancen

Ein leichter Wind weht, in der Ferne ist die Silhouette eines Forschungsschiffs zu erahnen. Schauplatz: Haffkrug und Pelzerhaken – zwei idyllische Seebäder in der Lübecker Bucht. Mitte September ist die Pilotbergung von Munitionsaltlasten vor der Ostseeküste gestartet. Doch die anfängliche Euphorie ist gesunken. 

Deckskräne mit speziellen Greifern und ferngesteuerte Unterwasserfahrzeuge sind im Einsatz, wühlen sich vorsichtig durch den belasteten Boden. Spezialisierte Taucherteams stehen auf Abruf bereit – falls es brenzlig wird. Nach ersten Erkundungsfahrten wird die Munition maschinell geborgen. Doch erneut gibt Verzug bei diesem maritimen Prestigeprojekt, das allerorten Hoffnungen weckt. Von „Deutschlandtempo“ noch keine Spur – hier in Haffkrug und Pelzerhaken.

Ein Grund: unerwartete Herausforderungen bei der Bestimmung der Flächen, wie Dr. Wolfgang Sichermann, Geschäftsführer von Seascape, einem der beauftragten Unternehmen, erklärt: „Die magnetischen Sondierungen brachten eine höhere Kampfmittelbelastung zutage, als aus den Daten zu erwarten gewesen wäre. Zudem war eine umfangreiche Abstimmung notwendig, die so in der Praxis der Kampfmittelräumung nicht erforderlich ist.“ Sichermann beruhigt: „Wir betreten hier maritimes Neuland. Es bleibt eine anspruchsvolle Aufgabe. Doch mit jeder Problemlösung erwerben wir wertvolle Erkenntnisse für eine systematische Bergung und Entsorgung von Munitionsaltlasten auf See.“

Alle Augen sind auf die Lübecker Bucht gerichtet

Es war ein langer Weg – viele Jahre des Ringens um Finanzmittel und politische Unterstützung. „Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit“, sagte Professor Dr. Jens Greinert, Experte für Munitionsaltlasten am GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel, beim Startschuss für das Projekt im Sommer. „Die Metallhüllen der Munition rosten und geben Chemikalien wie TNT ins Meer ab. Diese Substanzen  gefährden nicht nur die Meeresökologie, sondern gelangen auch in die Nahrungskette.“

Die Bundesregierung hat 100 Millionen Euro für das Sofortprogramm zur Munitionsbergung bereitgestellt. „Wir haben viel zu lange zugesehen, wie die gefährlichen Altlasten in unseren Meeren die Umwelt und die Menschen bedrohen“, sagte Umweltminister Tobias Goldschmidt. Doch er sieht den Bund dauerhaft in der Pflicht: „Wir brauchen eine langfristige Finanzierung, um Projekte wie diese nicht nur zu beginnen, sondern auch erfolgreich zu Ende zu bringen.“ 

Wirtschaftliche Chancen und Risiken im Blick

 Komplexe Logistik, unterschiedliche Arten von Munition, die Bedingungen auf See – all das erfordert eine enge Verzahnung von Forschung und Praxis. Für Dr. Sabine Schulz, Referentin für maritime Wirtschaft bei der IHK zu Kiel, ist die Munitionsbergung nicht nur eine ökologische Notwendigkeit, sondern auch eine wirtschaftliche Chance. „Wir reden nicht nur über die Beseitigung eines Problems. Wir reden über die Möglichkeit, das Land als maritimen Innovationsstandort zurück auf die Karte zu bringen“, sagt sie. Die Technologien seien international gefragt – etwa zur Räumung von Kriegsaltlasten in anderen Meeren. 

Auch Sichermann betont die exzellente Positionierung: „Wir bringen bewährte Technologien im Umgang mit Altmunition zusammen und entwickeln sie weiter. Detektion, Behandlung unter Wasser und Bergung – das alles wurde von heimischen Unternehmen entwickelt, die Bauflächen von Offshore-Windkraftparks und Unterwasserpipelines vorbereiten.“ Dazu komme die Technologie, mit der an Land Munitionsaltlasten vernichtet und entsorgt werden und die „seefest“ gemacht werden müsse. Diese beiden Stränge werden zusammengefügt. Angesichts der weltweiten Belastung von Meeren hoffe er, ein Alleinstellungsmerkmal der deutschen Industrie zu entwickeln. „Viele Staaten schauen neugierig auf uns“, erklärt er.


Erwartungshaltung
Die Belastung im Meer ist höher als vermutet, weiß Dr. Wolfgang Sichermann.



Hürden, so weit das Auge reicht

Doch dass Deutschland bei diesen Dingen kein echtes Tempo entwickelt, bestätigt Sichermann. Zudem besteht ein moralisches Dilemma: „Jede Bergung birgt das Risiko, dass Munition unkontrolliert explodiert oder Schadstoffe freisetzt.“ Weiterer Knackpunkt bleiben die rechtlichen Rahmenbedingungen: Es gibt keine einheitlichen Standards für die Munitionsräumung in Europa, und die Gesetzgebung hinkt den technologischen Entwicklungen hinterher. „Hier muss die Politik auf europäischer Ebene aktiv werden“, fordert auch Minister Goldschmidt. „Wir brauchen klare Regeln und Verantwortlichkeiten, um Projekte wie diese durchführen zu können.“ 

Neben der Genehmigung ist auch die Logistik nicht zu unterschätzen. Schulz sagt: „Wir brauchen Häfen, die geborgene Munition sicher handhaben, und spezialisierte Unternehmen, die sich um die Entsorgung kümmern.“ Auf Basis der Daten soll eine autonome Bergungsplattform entwickelt werden, die die Altlasten auf See verbrennt. Unternehmen wie Thyssenkrupp Marine Systems und German Naval Yards stehen in den Startlöchern – können und wollen aber nicht in Vorleistung gehen. „Die Kosten für die Entwicklung und den Betrieb der Bergungsplattformen sind extrem hoch. Hier muss die Politik schnell klare Rahmenbedingungen schaffen“, sagt Schulz. Sonst erfolge diese maritime Pionierarbeit anderswo in der Welt.

Kompetenzzentrum für Munitionsräumung

Kompetenzzentrum für Munitionsräumung Es ist Ende September in der Lübecker Bucht. Einige Touristen nutzen den Spätsommer und stapfen mit den Füßen durchs Wasser. Die Pilotbergung hat begonnen – viel ist nicht davon zu sehen. Doch die Erwartungen bleiben hoch. „Wir haben die Möglichkeit, ein Modellprojekt zu schaffen, das weltweit Beachtung findet“, sagt Schulz und blickt mit hoffnungsvollem Blick vom Strand aus auf die Ostsee. „Wenn es uns gelingt, die Infrastruktur aufzubauen, könnte Schleswig-Holstein das Kompetenzzentrum für Munitionsräumung werden.“

Erfahren Sie mehr über die Geomar-Forschung in der Lübecker Bucht:

 


Text:  Karsten von Borstel (IHK), Bild: IHK, Seascape