Maschinelle Schönheiten


Zugegeben, Metallwerkstatt, Fermentation und Ästhetik werden selten in einem Atemzug genannt. Sollten sie aber. Denn was es vor Ort zu sehen gibt, spricht nicht nur Technik- sondern auch Kunstfreunde an. Mal archaisch, mal protzig, mal versteckt. Jede Maschine, die wir auf den folgenden Seiten abgelichtet haben, vereint Funktionalität und Formschönheit.

 Mattglänzend

„Umformen ist fast wie Töpfern – nur mit anderem Material“, erklärt Jens Weimann, Geschäftsführer der Thate GmbH, das Prinzip der Metalldrückmaschine. Damit ein runder Hohlkörper für Lampenschirme, Gehäuse oder Einfassungen aus einem Metallrohling entsteht, wird das Material auf dem sich drehenden und formgebenden Drückwerkzeug gestaucht und gestreckt. Die dabei entstehende Wärme zeichnet sich als Dampf um die Maschine ab und verleiht ihr etwas Mystisches.

Dem unwissenden Betrachter geben die Spiralisierungsmaschinen der Maschinenfabrik Harry Lucas ganz sicher Rätsel auf. Das Zusammenspiel von Garnspulen, Fadenführung und Schlauchabzug erschließt sich nicht auf den ersten Blick. Die Harmonie, die dem maschinellen Zusammenführen der Fäden innewohnt, ist trotzdem spürbar. „Ob medizinische Bandagen, Benzin- oder Gartenschlauch, bei uns läuft alles rund”, bringt Geschäftsführer Harry Lucas junior ein Firmencredo auf den Punkt. Ein weiteres lautet: Alles, was sich biegen lässt, klässt sich auch stricken. Diesen Anspruch lösen die rund vierzig Mitarbeitenden in Neumünster und insgesamt 110 Mitarbeitenden an allen Standorten jeden Tag ein.

Rundungen und Kanten 

Wenn es am Anfang der Produktion nach Lack riecht, im Endprodukt aber keine Weichmacher mehr enthalten sind, sind wir bei der Pano Verschluss GmbH. Das Geheimnis für PVC-freie Verschlüsse von Gläsern für Rotkohl, Marmelade und Co.: 

Die Lösungsmittel werden im Trockenofen verbrannt. Dafür sind 200 Grad und eine Energiezufuhr per Erdgas notwendig. Noch. Denn nach einem erfolgreichen Probeversuch mit Wasserstoff als Energielieferant soll mittelfristig umgestellt werden. „Zu erkennen ist die Qualität unserer Verschlüsse am blauen Ring im Deckel”, erläutert Olaf Willroth das Markenzeichen der PVC-freien Verschlüsse.   

Nicht mit blauem, sondern mit rotem Licht signalisiert der vier Meter lange Kantbalken der MEOS GmbH den Gefahrenbereich, der bei der Kantung freizuhalten ist. Vor der Kantung ist Köpfchen gefragt. Die Metallexperten aus Melsdorf berech nen die Arbeitsschritte für Bauteile für die Industrie- und Bahntechnik und Relings auf Superyachten präzise vor. „Wir produzieren komplexe Teile und kleine Serien nach industriellem Standard. Unsere Mitarbeitenden schätzen die Abwechslung und das Mitdenken bei jedem einzelnen Werkstück”, ist sich Geschäftsführer Dr. Reinhard Mehl sicher.

Innere Werte

„Schön ist eigentlich alles, was man mit Liebe betrachtet.“ Ob Schriftsteller Christian Morgenstern beim Schreiben dieser Zeilen wohl an einen Fermenter gedacht hat? Der knapp neun Meter hohe Fermenter „Obelix” der E-NEMA Gesellschaft für Biotechnologie und biologischen Pflanzenschutz mbH in Schwentinental könnte – wie seine kleineren maschinellen Brüder Asterix und Idefix – Pate gestanden haben, wachsen und gedeihen in seinem wohltemperierten Inneren doch Nematoden. Die Fadenwürmer werden etwa zwanzig Tage gerührt und belüftet, damit sie ihren Job als natürliches Pflanzenschutzmittel erfüllen können. „Unsere Ideen und Arbeit fließen in ein absolut sinnvolles Produkt”, sind sich Mikroorganismen-Produktionsleiter Patrick Wegener und Marketingmanager Mads Wollesen daher auch einig. 

Einen runden Behälter braucht es auch bei der Glückstädter Plotz Spezialitäten GmbH für die Reifung des Original Glückstädter Matjes. Geschäftsführer Björn Krostewitz spricht voller Überzeugung und Begeisterung von seinem Handwerk. „Wir produzieren nicht einfach Lebensmittel, wir erhalten eine Tradition.” Von dieser Kunst überzeugen sich täglich zwei Busladungen Besucher. Einzig das Vakuumieren übernimmt eine Maschine. Zwischen den flinken Fingern der Mitarbeitenden scheint sie fast die langsamste zu sein. Die Fässer mit dem Fisch werden knapp eine Woche lang täglich manuell gerollt, damit Salz und Marinade sich gut verteilen. „Ich habe Lust, das bis zur Rente zu machen”,  freut sich Björn Krostewitz.

Im Alter immer besser

An Rente ist für den Sensenhammer bei Baack Spaten in Hohenlockstedt noch lange nicht zu denken, auch wenn er schon 80 Jahre auf dem Buckel hat. Zu sehr wird sein hoher Schlagtakt für die verschiedensten Spatenblätter gebraucht. In die Rente geht es in diesem Jahr aber für Mitarbeiter Klaus Schmidt, einen der letzten ausgebildeten Schmiede im Land. Weil auf dem Arbeitsmarkt keine Spatenschmiede zu finden waren, wendete sich Inhaber Sven Baack an die IHK zu Kiel und wurde kurzerhand zum Ausbilder für Fachkräfte für Metalltechnik. Gleich sein erstes „Werkstück”, Azubi Max Petscheleit, wurde 2022 Jahrgangsbester. „Die Pionierarbeit hat sich gelohnt”, ist Sven Baack sicher und stieg beim Projekt Ausbildung wie bei seinen Spaten in Kleinserie ein.  

Pionierarbeit legte auch den Grundstein des Erfolges der Anschütz GmbH in Kiel. Die Formulierung eigener Ansprüche und das Tüfftlergen sind bis heute erhalten geblieben – auch wenn das Prinzip des Kreiselkompasses auf einer mehr als hundert Jahre alten Technologie basiert. Nicht nur das Produkt selbst – für das bis heute alle Bauteile an der Förde produziert werden –, auch die Prüftechnik wird ständig weiter entwickelt. Bestes Beispiel: die Prüfschaukel. Konnte ihr Vorgänger nur Bewegung vor und zurück abbilden, hängt sie nun an einem Pendel und ist somit frei beweglich. Damit lässt sich sogar schwerster Seegang simulieren. Das macht aber nur Sinn, wenn man den einzigen Kompass produziert, der sich selbst nach einem solchen Manöver wieder zurechtfindet.    


Text: Alexandra Thom (IHK), Bild: Adina Merkel