Warum Natur zum Vorbild für neue Ideen wird

Die Kraft der Nachahmung

Täuschend echt ist längst kein Makel mehr. Im Gegenteil: Nachahmung gilt heute oft als kluge Lösung – nachhaltiger und technologisch oft überlegen. Eine Tasche aus veganem Leder wird nicht mehr als minderwertiger Ersatz wahrgenommen. Künstliche Weihnachtsbäume versprechen Ressourcenschonung, Papierblumen benötigen weder Wasser noch Pflege und halten nahezu unbegrenzt. Doch die Frage bleibt: Ist Nachahmung automatisch nachhaltiger? Ein Plastikbaum muss viele Jahre genutzt werden, um seine Umweltbilanz zu rechtfertigen.

Kunstmaterialien sparen Ressourcen, verbrauchen aber andere. Wer über Nachahmung spricht, landet früher oder später bei ihrer wichtigsten Ideengeberin: der Natur. Seit Millionen Jahren entstehen hier Strukturen und Funktionen, die heute als Vorbild für Technik und Design dienen – von Libellenflügeln über Lotusblätter bis hin zur Chamäleonhaut. Unternehmen in Schleswig­Holstein nutzen dieses Prinzip längst als Strategie. Internationale Player, Traditionsunternehmen und Start-ups übertragen natürliche Vorbilder in Materialien, Designs und Technologien. 

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Text: Jana Walther
Foto: Jana Walther, Papierblumen: André Mikhaimer
Von der Natur lernen

Von der Natur lernen

Für die TECCON Consulting & Engineering GmbH ist die Natur kein abstraktes Ideal, sondern eine konkrete Inspirationsquelle. Das Unternehmen mit Standorten auch in Hamburg, Bremen und Kiel arbeitet als Ingenieursdienstleister branchenübergreifend an Entwicklungsprojekten für Luftfahrt, maritime Anwendungen und industrielle Technologien. Biologische Vorbilder rücken dabei immer wieder in den Fokus.

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Ein bekanntes Beispiel ist die sogenannte Haihaut-Struktur. Ihre mikroskopisch feinen Rillen reduzieren den Strömungswiderstand im Wasser. Dieses Prinzip wird heute auch in technischen Oberflächen eingesetzt, um Reibung zu verringern und Energie zu sparen. Die Lufthansa Group hat als erste Airline­Gruppe weltweit Flugzeuge mit einer aerodynamischen Haifischhaut­Folie ausgerüstet. Solche Ansätze zeigen: Innovation entsteht nicht immer im Neuen, sondern im besseren Verständnis bestehender Lösungen. „Die Technik ist im Grunde ein Kopierer der Natur“, sagt Jörg Manthey, Director Business Development bei TECCON. Gemeint ist damit keine einfache Nachbildung biologischer Formen, sondern das Verständnis dahinter: minimaler Materialeinsatz, maximale Stabilität und Anpassungsfähigkeit unter wechselnden Bedingungen. Ein Fluggerät muss Belastungen aufnehmen können, ohne ihnen starr entgegenzuwirken. „Wenn der Flügel nicht schwingt, dann bricht er“, erklärt Manthey.  

Das Prinzip kennt man aus der Natur: Äste geben im Wind nach, statt zu brechen. Vogelflügel verändern permanent ihre Form im Flug. Genau diese Flexibilität versuchen Entwicklerinnen und Entwickler in technische Strukturen zu übersetzen. 

Wie sich solche Prinzipien konkret anwenden lassen und wie sich Lastendrohnen künftig kostengünstig und ressourcenschonender produzieren lassen, untersucht TECCON derzeit im Forschungsprojekt AERO­SH gemeinsam mit der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Kiel (HAW Kiel). Das vom Bund geförderte Projekt startete im September 2025 und zielt darauf ab, einen flexiblen, softwarebasierten Entwicklungsprozess für Lastdrohnen zu schaffen. Aktuell entstehen erste Konstruktionen und digitale Modelle, mit denen unterschiedliche Bauweisen und Leichtbaukonzepte getestet werden. Ziel ist es, Lastendrohnen effizienter und anpassungsfähiger zu entwickeln – zum Beispiel für medizinische Transporte auf Inseln und Halligen oder die Versorgung von Offshore­Anlagen. Dabei wirkt sich jedes eingesparte Kilogramm unmittelbar auf Reichweite und Energieverbrauch aus. „Jedes eingesparte Kilogramm bedeutet am Ende mehr Reichweite oder mehr Nutzlast“, so Manthey. Nachahmung wird hier zur Strategie: Nicht das Aussehen eines Vogels wird kopiert, sondern das Prinzip effizienter Konstruktion. 

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Wenn Design Natur imitiert

Wenn Design Natur imitiert

Doch Natur dient nicht nur als Vorbild für Technik. Neben Konstruktion und Effizienz rückt zunehmend eine andere Dimension der Nachahmung in den Fokus: die Wirkung auf den Menschen. Nicht das biologische Original wird übertragen, sondern das Gefühl, das es auslöst. Genau hier beginnt die Arbeit von Kevin Müller. Der Industriedesigner aus Kiel imitiert nicht den Baum selbst, sondern das, was wir unter ihm erleben. 

Sein Schattensystem „Sense Of Shade“ entstand ursprünglich als Bachelorprojekt. Ausgangspunkt war keine technische Herausforderung, sondern eine persönliche Erfahrung. „Ich hatte viel Stress während meines Studiums“, erzählt Müller. „In der Natur habe ich dann Entspannung gefunden.“ Dabei kam für ihn die Frage auf: Woran liegt das eigentlich? Was wirkt in der Natur so beruhigend? Die Antwort war überraschend schlicht. „Das Wirkungsvollste war für mich der Schatten“, sagt Müller. „Der Schatten ist im Grunde immer nur ein Nebenprodukt – fast wie eine verlorene Ressource.“ Aus dieser Beobachtung entwickelte sich Schritt für Schritt eine Geschäftsidee für ein Start­up. 

„Die beste Designerin ist für mich die Natur“, ist Müller überzeugt. Ihre Lösungen seien funktional, effizient und zugleich ästhetisch. Statt den Baum zu kopieren, begann er deshalb, den Schatten selbst zu entwerfen. „Ich habe mehr den Schatten designt als das Segel.“ Er entwickelte ein perforiertes Gewebe, dessen organisch

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wirkendes Muster per CNC­Laser geschnitten wird. Entscheidend ist dabei nicht nur das Design, sondern die Bewegung. Erst wenn sich das Material im Wind leicht bewegt, entsteht das vertraute Spiel aus Licht und Schatten, welches wir intuitiv mit Natur verbinden. Niemand denkt dabei zwangsläufig an Blätter oder Äste, und doch erinnert die Atmosphäre an einen Platz unter Bäumen. Die bewegten Schattenmuster sprechen Wahrnehmungsmechanismen an, die tief in der menschlichen Evolution verankert sind. „Für das Gehirn ist es nicht entscheidend, ob diese Wirkung durch ein natürliches oder ein menschengemachtes Objekt entsteht, solange die sensorische Wahrnehmung ähnlich authentisch ist“, erklärt Müller. Dabei erfüllt das Sonnensegel gleich mehrere Funktionen: Es spendet Schatten, reduziert direkte Sonneneinstrahlung und verbessert durch die Ausschnitte im Segel zugleich die Luftzirkulation. Besonders relevant sei das dort, wo versiegelte Flächen Hitze speichern, also in dicht bebauten Städten mit wenig Grün. 

Aktuell befindet sich das Projekt noch in einer frühen Phase. Müller arbeitet gemeinsam mit seinem Geschäftspartner am weiteren Aufbau des Start­ups. Zunächst ist das System für den urbanen Raum gedacht, perspektivisch soll es auch Lösungen für private Gärten und Terrassen geben. Für die Weiterentwicklung hat sich das Team kürzlich um ein Stipendium beworben. Produktionsort und Fertigungsstruktur seien aktuell noch in Klärung. Vieles ist also noch offen, doch die Grundidee steht. 

Die neue Freude am Fake

Die neue Freude am Fake

Während „Sense Of Shade“ die Wirkung der Natur subtil übersetzt, spielen andere Formen der Nachahmung offensiver mit ihren Vorbildern. Einige Produkte zitieren die Natur sichtbar, manchmal sogar mit einem augenzwinkernden Fake­Charakter. Ein Sonnensegel erinnert nicht direkt an einen Baum, ein Blumenstrauß aus Legosteinen dagegen ganz offensichtlich an eine Blume. Ein Elektrokamin inszeniert Flammen, obwohl keine Hitze entsteht. Diese Formen der Nachahmung werden nicht trotz, sondern gerade wegen ihrer Künstlichkeit geschätzt. Sie zeigen: Menschen akzeptieren Naturkopien, solange die emotionale Wirkung stimmt.

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Wie Nachahmung über Haptik, Farbe und Material im Alltag ankommt, wird im Itzehoer Conceptstore „Frau Tach“ deutlich. Gegründet wurde der Laden 2014 von zwei Architektinnen. Viele kennen das Geschäft noch unter dem Namen „Pappsalon“, das damals lokales Geschäft, Workshops und Onlineshop miteinander verband. Während der Onlineshop weiterhin unter diesem Namen besteht, führt Cathrin Tach heute den stationären Laden unter dem neuen Namen „Frau Tach“ allein weiter. In den Regalen liegen fein kuratierte Papierwaren sowie Deko­ und Geschenkartikel. „Die Haptik von Produkten ist lange in den Hintergrund gerückt bei all dem Online­Angebot. Wir wollen Materialien wieder spürbar machen“, sagt Cathrin Tach. Workshops sind dabei ein fester Bestandteil. 

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Die neue Freude am Fake

Die Herstellung von Papierblumen gehört zu den gefragtesten Angeboten. Aus speziellem Floristenkrepp, Draht und Garn entstehen detailreiche Blüten, die sich am botanischen Aufbau orientieren und ihn zugleich frei interpretieren. „Mohnblumen, Tulpen oder Windröschen dienen als Vorbild. Die unterschiedlichen Formen der Blütenblätter zeichnen jede Pflanze aus. Aber es darf auch mal der rosa statt des grünen Stängels sein“, sagt Cathrin Tach. Die Struktur der Natur dient als Vorlage, Farbe und Form dürfen neu gedacht werden. Der Reiz liegt nicht nur im besonderen Deko­Objekt, das am Ende eines solchen Workshops entsteht, sondern im Prozess. Menschen kommen an dem langen Holztisch bei FRAU TACH zusammen. Sie verbringen Zeit mit Freunden, gestalten gemeinsam. „Man geht nicht nur mit einem Produkt nach Hause, sondern mit einer Erinnerung.“ Ergänzend zu den Workshops verkauft Tach auch fertig produzierte, eingekaufte Papierblumensträuße. Mit rund zwölf Euro pro Blume gehören sie zu den hochpreisigeren Artikeln im Sortiment. Die künstlichen Blüten verstehen sich eben nicht als günstiger Ersatz, sondern als langlebiges Designobjekt mit dekorativem Anspruch. 

Langlebige Alternative zur vergänglichen Frische

Gerade nach langen, grauen Wintermonaten wächst die Sehnsucht nach Farbe, Frische und einem Stück Natur im eigenen Zuhause. Doch frische Schnittblumen stammen häufig aus beheizten Gewächshäusern oder werden über weite Strecken transportiert. „Nachhaltig ist das selten“, so Cathrin Tach. Papierblumen hingegen bleiben über Jahre erhalten und bieten eine langlebige Alternative zur vergänglichen Frische. Dass die Blüten aus Papier bestehen, stört dabei nicht – im Gegenteil. Ihre Künstlichkeit ist sichtbar und wird bewusst akzeptiert. Entscheidend ist die Wirkung: Farbe, Leichtigkeit, ein Hauch von Frühling im Raum. Hier wird deutlich: Nachahmung ist oft mehr als nur Ersatz. Sie schafft Atmosphäre, stellt Fragen nach Ressourcen und Langlebigkeit und entwickelt aus einem natürlichen Vorbild etwas Eigenständiges mit ganz eigener Qualität.

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Ob in der Luftfahrttechnik, im Produktdesign oder im Dekoartikel: Nachahmung bedeutet heute längst mehr als bloße Kopie. Sie ist eine Form des Lernens. Statt die Natur zu ersetzen, versuchen die Unternehmerinnen und Unternehmer im Land zunehmend zu verstehen, warum ihre Lösungen funktionieren. Manchmal entstehen daraus Technologien, manchmal neue Designideen und manchmal einfach Dinge, die unseren Alltag ein wenig schöner machen. Die Natur bleibt dabei das Original und zugleich die wohl beste Ideengeberin.