Der Täuschung auf der Spur

Was ist echt, was ist Täuschung? Künstliche Intelligenz erobert die digitale Welt im Sturm, Deepfakes sind Teil unseres Alltags. Trotz ihres kreativen Potenzials gelten sie als dunkle Seite der KI, bieten Kriminellen Einfallstore für betrügerische Cyberattacken. Plagiate hingegen sind Täuschungen zum Anfassen. Von Produktfälschern unter die Leute und auf die Binnenmärkte gebracht, haben auch sie gravierende Folgen für Unternehmen und Verbraucher. 

Michael Dolz und Olaf Kružycki empfangen uns in ihrer Kieler Kreativschmiede – im Co­Working­Space FLEET7. Seit April arbeitet techagogics GmbH im KITZ, dem Kieler Innovations­ und Technologiezentrum. Fünf Gesellschafter, darunter Michael Dolz und Olaf Kružycki, verbindet ein Ziel: Menschen und Unternehmen gegen die manipulative Kraft von Cybercrime zu wappnen und handlungsfähig im Umgang mit Deepfakes zu machen. 

Deepfake ­ ein Wort in aller Munde, doch was genau bedeutet es? „Ein Deepfake ist ein mit künstlicher Intelligenz synthetisierter Bewegtbild­ oder Audioinhalt, der authentisch erscheint und in dem eine Person etwas sagt oder tut, was sie nie gesagt oder getan hat“, erklärt Olaf Kružycki. Im Internet sei Echtheit längst zur Illusion geworden: „Bereits heute ist ein großer Teil der Inhalte im Netz künstlich erzeugt. Die manipulative, realitätsverzerrende Kraft von KI ist unglaublich groß. Sobald ich anfange, Bilder, Stimmdaten und persönliche Informationen von mir im Internet hochzuladen, liefere ich den Nährboden für Phishingmails und die Erstellung von Deepfakes.“

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„Wir brauchen das passende Rüstzeug für KI.“

Inzwischen bedarf es nur noch weniger Sekunden Stimmsamples, um Stimmen zu synthetisieren. Eine Studie vom britischen Technologieunternehmen iProov aus dem Februar 2025 ergab, dass lediglich 0,1 Prozent der Teilnehmenden Deepfakes in Form von Bildern und Videos erkennen konnten. „Fakt ist, dass wir als Gesellschaft vorbereitet sein und den Umgang mit Deepfakes lernen müssen. Fakt ist aber auch, dass wir es verpasst haben, uns das passende Rüstzeug anzueignen, um emanzipiert mit diesen Technologien umzugehen“, sagt Michael Dolz. Genau das ist das Handlungsfeld, in dem sich techagogics bewegt.

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Bundesweit für Furore sorgte das Kieler Unternehmen erstmals 2021 mit den „Deepfake Detectives“, ein multisensorischer Workshop, bei dem Schülerinnen und Schüler an verschiedenen Arbeitsstationen und in VR­Challenges synthetische Medieninhalte erkennen und einordnen. Inzwischen bietet techagogics vier Workshops mit unterschiedlichen Schwerpunkten rund um künstliche Intelligenz an. Die Anfragen aus der Wirtschaft werden dabei immer häufiger. „Unternehmen gehören zu den beliebtesten Zielen für kriminelle Angriffe mithilfe von KI“, weiß Michael Dolz. Immer populärer werden die sogenannten CEO­Frauds: Eine Betrugsmasche, bei der sich Cyberkriminelle unter Nutzung von Stimm­ und Gesichtsdaten als CEO eines Unternehmens ausgeben und in perfekt durchdachten Deepfakes einen Mitarbeitenden zum Transfer hoher Geldbeträge autorisieren. So geschehen zum Beispiel 2024 in Honkong: Ein Mitarbeiter eines internationalen Unternehmens wurde während einer Videokonferenz, in der alle angeblichen Führungskräfte KI­Fälschungen waren, dazu gebracht, fast 24 Millionen Euro an Betrüger zu überweisen.

Marken- und Verbraucherschutz:

Hoheitsgebiet des Zolls

Fest steht: Menschliche Kompetenzen und Erfahrungen sind beim Erkennen von Täuschungen nach wie vor unerlässlich. Das bestätigt auch der Blick dorthin, wo reale Waren ankommen: beim Zoll, Wächter des Marken­ und Verbraucherschutzes. Bei Produktfälschungen geht es um viel mehr als um Markenrechte. Plagiate können Sicherheitsrisiken darstellen, Haftungsfragen auslösen und Vertrauen zerstören. 

Am Norwegenkai in Kiel, An­ und Ableger der COLOR LINE, ist die Abfertigungsstelle des Hauptzollamtes Kiel Schnittstelle und Schutzwall zwischen internationalen Gefilden und dem deutschen Binnenmarkt. Gerade ist die Norwegenfähre angekommen, Autos und Lkw fahren unten vom Schiff, während weiter oben die Passagiere ohne Fahrzeug in Richtung Ausgang strömen. Hier ist Arbeitsteilung gefragt: Während die Zöllner der Abfertigungsstelle Norwegenkai für die Lkw­Kontrolle und die Warenabfertigung verantwortlich sind, übernehmen die Kontrolleinheiten des Zoll­Sachgebietes C zeitgleich die Abfertigung der Reisenden, die mit ihrem Gepäck von Bord gehen. Insgesamt arbeiten rund 1.000 Zöllnerinnen und Zöllner für das Hauptzollamt Kiel, eines von 41 Hauptzollämtern in Deutschland. Sie sind auf  

Straßen und Autobahnen unterwegs, kontrollieren Häfen und Schiffe und übernehmen Postpaketkontrollen – stets auf der Suche nach Betäubungsmitteln, Waffen, Arznei­ mitteln ohne Zulassung, Zigaretten, Alkohol, aber auch nach Produktfälschungen. Laut der aktuellen Jahresstatistik des Zolls Schleswig­Holstein gelangten im Jahr 2024 insgesamt 1.744.667 Waren über die Grenzen in unser Bundesland. Dabei kam es zu 1.532 Sicherstellungen und Beanstandungen durch den Zoll. 

Gabriele Oder, Pressesprecherin des Hauptzollamtes Kiel, erläutert: „Unser Ziel ist es, nicht nur Innovationen und Markenrechtsinhaber zu schützen, sondern auch die Verbraucher. Gefälschte Produkte sind häufig so mangelhaft hergestellt, dass sie gefährlich werden können. Wenn wir diesen Verdacht haben, schalten wir auch die zuständige Marktüberwachungsbehörde ein. Sie kann prüfen, ob eine Ware sicher ist“. 

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„Unternehmen müssen Markenschutz aktiv einfordern.“

Um den Schutz des Zolls dauerhaft in Anspruch nehmen zu können, müssen Markenrechtsinhaber den Antrag „Application for Action“, kurz AfA, stellen. Und zwar einmal jährlich über ZGR­online, das elektronische Fachportal der deutschen Zollverwaltung für den gewerblichen Rechtsschutz. Im Verdachtsfall können die zuständigen Zollstellen digital auf die hinterlegten Informationen zugreifen. „Obgleich wir immer ex officio, also auch ohne vorliegende AfA, tätig werden dürfen, ist die Qualität dieses Antrags entscheidend dafür, wie gut der Zoll für das Schutzrecht einstehen kann“, erläutert Oder. In der AfA gibt der Markenrechtsinhaber genaue Instruktionen über seine Produkte: Wie erkennt man die Marke? Was sind mögliche Fälschungen? Welche Transportrouten sind verdächtig? 

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Für Unternehmerinnen und Unternehmer hat Pressesprecherin Gabriele Oder, die selbst Zöllnerin ist, einen konkreten Tipp: „Stellt den Antrag AfA, der kostenlos ist, und fordert vollumfänglich euer Schutzrecht ein! Nutzt alle Möglichkeiten, die er euch bietet! Nur wenn dieser Antrag fundiert und detailliert ist, kann der Zoll effektiv kontrollieren und bewerten.“ Dies gelte, so Oder weiter, insbesondere für Mittelständler und Start­ups: „Gerade zu Beginn, wenn es um die Marktetablierung von Innovationen geht, kann eine Fälschungswelle für kleinere Unternehmen existenzgefährdend sein. Markenriesen sitzen da schon fester im Sattel.“ 

Am Ende des Tages steht ein klares Fazit: Echtheit, das ist kein offensichtlicher Zustand mehr. Sie zu beurteilen verlangt nach der Expertise erfahrener Fachleute, aber auch nach gesellschaftlichen Kompetenzen, die für jeden gelten und die konsequent erlernt werden müssen. Ob in der KI­generierten oder in der realen Welt.

Text: Antje Kottich 
Fotos: Adina Merkel

So unterstützt die IHK 

Der Brisanz bewusst ist man sich auch bei der IHK zu Kiel: „Cyberangriffe, Insider­Bedrohungen und Spionage sind keine Einzelfälle mehr, sondern strukturelle Risiken, die branchenübergreifend auftreten. Wir als IHK bieten unseren Mitgliedern mit Unterstützung des Netzwerks SicherheitsPartnerschaft Schleswig­Holstein umfassende Beratungs­ und Fortbildungsangebote in den Bereichen Krisenvorsorge, Resilienz, Cyber­ und Wirtschaftskriminalität sowie Sabotage­ und Spionageprävention“, sagt Thomas Balk, Referent für Digitalisierung und Wirtschaftsschutz. 

Detaillierte Informationen zum Angebot der IHK gibt es hier: