Zwischen Siegel und Handschrift

Wie Kennzeichnungen, Prüfungen und Handwerk Vertrauen schaffen

Woran lässt sich erkennen, ob ein Spielzeug wirklich sicher ist, oder ein Abschluss im Lebenslauf hält, was er verspricht? Für Unternehmen ist das keine Nebensache, sondern eine zentrale Frage. Denn hier geht es nicht nur um Vertrauen, sondern auch um Haftung, Reputation und die richtige Auswahl von Mitarbeitenden. 

Grünes Leben zwischen Beton und Glas

Zwischen Holzspielzeug und Babybodys steht Swantje Lehmann hinter dem Verkaufstresen ihres Ladengeschäfts „Waldräuber“ in Eckernförde. Im Regal hinter ihr reihen sich die beliebten Jellycat-Plüschtiere aneinander. Wer hier einkauft, sucht bewusst aus und vertraut darauf, dass die Produkte sicher sind. 

Die Verantwortung dafür beginnt lange bevor ein Spielzeug oder Kleidungsstück im Regal landen. Eine zentrale Rolle spielen Kennzeichnungen und Siegel wie beispielsweise das CE-Kennzeichen. Letzteres bringen Hersteller selbst auf ihren Waren an und bestätigen damit, dass ein Produkt den europäischen Sicherheitsanforderungen entspricht. Swantje Lehmann selbst prüft die CE-Kennzeichnung nicht einzeln nach. Sie muss sich auf die Lieferketten innerhalb Europas verlassen. „Wenn ich bei einem europäischen Händler einkaufe, gehe ich davon aus, dass das Spielzeug geprüft ist“, sagt sie. Ihre Großhändler arbeiteten ausschließlich mit Herstellern, die die gesetzlichen Vorgaben erfüllen müssen. Die Kennzeichnung wird so zur Grundlage eines Vertrauenssystems, das vom Hersteller über den Handel bis zu den Kundinnen und Kunden reicht. 

Gerade darin sieht die Geschäftsfrau eine wachsende Herausforderung. Während stationäre Händler an europäische Vorgaben gebunden sind, gelangen über internationale Onlineplattformen immer mehr Produkte auf den Markt, deren Herkunft und Prüfverfahren kaum nachvollziehbar sind. Die enorme Menge an Importware zum Beispiel aus dem asiatischen Raum mache Kontrollen schwierig – und stelle Fachgeschäfte vor ein Problem: Sie erklären Qualität und Sicherheit, während Billiganbieter vor allem über den Preis konkurrieren. Hinzu kommt: Das CE-Kennzeichen wird von den Herstellern angebracht. Für den Zoll funktioniert es gewissermaßen wie ein Reisepass für Produkte. Hersteller erklären damit, dass ihre Ware die Richtlinien und Normen der Europäischen Union erfüllt. Ob dies tatsächlich immer zutrifft, zeigt sich jedoch erst bei Kontrollen. Stichproben haben in der Vergangenheit immer wieder ergeben, dass Produkte trotz CE-Kennzeichnung die Anforderungen nicht vollständig erfüllen. Mit der wachsenden Zahl internationaler Anbieter wird dies zunehmend zu einer Herausforderung für Marktüberwachung und Handel. 

Auch bei Kleidung spielen Kennzeichnungen eine wichtige Rolle. Besonders häufig begegnet Lehmann in ihrem ausgewählten Sortiment das OEKO-TEX® Label sowie der Global Organic Textile Standard (GOTS). Letzteres gilt als einer der strengsten Standards der Branche, weil neben ökologischen Kriterien auch soziale Bedingungen in der Produktion geprüft werden. „Wenn ein Produkt das GOTS-Siegel hat, weiß man einfach: Es wurde nicht nur bio, sondern auch fair produziert“, sagt Swantje Lehmann. 

In den vergangenen zehn Jahren habe sich das Angebot deutlich verändert. Nachhaltige Materialien und zertifizierte Produkte seien heute wesentlich verbreiteter als noch zur Geschäftsgründung 2014. Gleichzeitig wachse bei vielen Kundinnen und Kunden der Wunsch nach Orientierung. Nicht jedes nachhaltige Produkt trage automatisch ein Siegel und die Vielzahl an Kennzeichnungen könne auch verunsichern. Hier sieht Lehmann ihre Rolle als Fachhändlerin: erklären, einordnen, auswählen. Häufig gehe es darum, sichtbar zu machen, warum ein Produkt mehr kostet, etwa wegen europäischer Produktion, geprüfter Materialien oder langlebiger Qualität. „Ich glaube tatsächlich, dass die meisten sich darauf verlassen“, sagt sie über ihre Kundschaft. Das Vertrauen entsteht nicht allein durch ein Symbol auf der Verpackung, sondern durch die Kombination aus Kennzeichnung, Beratung und transparenter Herkunft. 

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Statement statt Stammbuch

Goldschmiede Schütt e.K., Inhaberin Astrit Barwanietz 

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Statement statt Stammbuch

Goldschmiede Schütt e.K., Inhaberin Astrit Barwanietz 

Während Prüfzeichen und Prüfverfahren Echtheit institutionell absichern, entsteht sie im Handwerk oft auf andere Weise – durch Material, Herkunft und persönliche Handschrift. In der Goldschmiede Schütt e.K. in Neumünster entstehen solche Zeichen täglich neu. Doch was „echt“ bedeutet, ist hier nicht nur eine Frage des Materials, sondern auch der Herkunft, der Handschrift und der ganz persönlichen Geschichte. 

Siegelringe erleben eine stille Renaissance. Nicht mehr nur als Wappenring mit langer Familienlinie, sondern als individuelles Statement. „Viele haben gar kein Wappen, möchten aber trotzdem ein persönliches Zeichen. Das kann ein Buchstabe oder aber auch eine ganz eigene Kreation sein“, sagt Goldschmiedemeister Dirk Barwanietz. Dann wird aus einem Motiv – einem Granatapfel, einem Sternzeichen oder einem selbst entworfenen Symbol – ein Entwurf. Sohn Leon Barwanietz entwickelt diesen zunächst digital als 3D-Modell.

Am Bildschirm lassen sich Proportionen prüfen und die Details anpassen. „Dann drucke ich den Prototyp, bevor das Stück gegossen wird“, erklärt er. Gerade beim letzten Schritt entscheiden sich viele bewusst gegen Perfektion. Statt Lasergravur wählen sie den Diamantschnitt in Anlehnung an ihre Handschrift. Das Ergebnis ist nicht makellos, aber unverwechselbar. Auch das verwendete Material trägt zur Echtheit bei. Die Werkstatt arbeitet ausschließlich mit sekundärer Gewinnung. Das verwendete Gold war vorher bereits ein anderes Schmuckstück. Echtheit entsteht hier nicht durch ein Siegel, sondern durch Herkunft, Handwerk und Bedeutung. Ein Ring beweist zwar nichts, doch er macht sichtbar, wozu jemand gehört. 

Am Ende geht es immer um Vertrauen. Siegel, Prüfungen und Standards schaffen eine gewisse Orientierung. Doch erst durch die Menschen, die in den Unternehmen Verantwortung übernehmen, wird daraus echte Qualität.

Kunsthandwerk

Kunsthandwerk

Auch im Kunsthandwerk ist Produktsicherheit ein großes Thema. Johanna Brüggemann, Keramikerin und Inhaberin des Studio Joba in Kiel, muss für ihre verwendeten Glasuren regelmäßig Konformitätsprüfungen durchführen lassen. Da von Tellern und Tassen gegessen und getrunken wird, schreibt der Gesetzgeber vor, dass keine gesundheitsgefährdenden Stoffe wie Blei oder Cadmium abgegeben werden dürfen. 

Die Prüfung erfolgt durch ein unabhängiges Institut, jeder Glasur-Test kostet rund 50 Euro. „Natürlich ist es richtig, dass geprüft wird“, sagt Brüggemann. „Doch die Glasuren, die ich nutze, sind ohnehin schadstofffrei und entsprechend gekennzeichnet.“ Doch die gesetzliche Vorgabe gilt unabhängig davon, ob Rohstoffe bereits entsprechend deklariert sind. Für kleine Werkstätten bedeutet das zusätzlichen organisatorischen und finanziellen Aufwand. Gleichzeitig sorgen Berichte über belastete Billigimporte immer wieder für Verunsicherung am Markt und zeigen, warum Kontrollen notwendig bleiben. Produktsicherheit entsteht also durch Verfahren, nicht durch Vertrauen allein. Doch wo endet sinnvolle Kontrolle und wo beginnt formale Routine? Und wie lässt sich sicherstellen, dass Standards tatsächlich für alle Marktteilnehmer gleichermaßen gelten? 

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Echtheit als institutioneller Prozess: Prüfungen und Anerkennung

Dass dieses System trägt, zeigt die Praxis. Seit 25 Jahren engagiert sich Sebastian Fricke, Inhaber der Kommunikationsagentur INMEDIUM GmbH in Neumünster, ehrenamtlich als Prüfer. Gerade bei knappen Ergebnissen werde intensiv diskutiert, bis ein gemeinsames Urteil steht. Diese Unabhängigkeit schaffe Vertrauen. Für Fricke sei ein IHK-Abschluss deshalb mehr als ein Dokument: „Da kann man sicher seien, dass man qualifizierte Mitarbeitende bekommt.“ Doch dieses Qualitätsversprechen braucht Menschen, die es tragen. Viele Prüfungsausschüsse suchen Nachwuchs. Unternehmen stellten Mitarbeitende immer seltener frei. Manche Prüfer müssten sogar Urlaub nehmen, um zu unterstützen. Wer qualifizierte Fachkräfte will, so Fricke, müsse auch bereit sein, den Qualitätsstandard mitzutragen. Echtheit entsteht hier nicht von selbst, sie wird gemeinsam gesichert. 

Auch beim Thema Prüfungen werden die Regularien komplexer. Grundlage sind bundesweit einheitliche Verordnungen, die Inhalte, Ablauf und Bewertung exakt regeln, etwa bei der Berufsabschlussprüfung zur Industriekauffrau, beim Mechatroniker oder bei der Fortbildungsprüfung zum Industriemeister. Schriftliche Prüfungsleistungen werden von zwei Korrektoren unabhängig bewertet, im mündlichen Teil entscheidet ein dreiköpfiger Ausschuss aus Arbeitgeber-, Arbeitnehmer- und Lehrkräftevertretung. „Für uns ist entscheidend, dass alle die gleichen Chancen haben“, sagt Christine Ruschkowski, die bei der IHK zu Kiel in der Prüfungsorganisation tätig ist. Standardisierte Anforderungen sichern Vergleichbarkeit und Qualität – in Kiel ebenso wie in München.

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Beratung zu CE-Kennzeichnung 

Maria Erichsen, Referentin für Umwelt- und Energiepolitik bei der IHK zu Kiel, weiß um die steigenden Anforderungen rund um Zertifikate und Kennzeichnungen. „Immer mehr Produktgruppen unterliegen europäischen Verordnungen, die Regelwerke werden detaillierter, die Dokumentationspflichten umfangreicher.“ Gerade kleine und mittlere Unternehmen stehen vor der Frage: Welche Vorschriften greifen? Welche Nachweise sind erforderlich? Und was passiert, wenn etwas übersehen wird? Bei all diesen Fragezeichen unterstützen die verschiedenen Industrie- und Handelskammern im Land. In gemeinsamen CE-Sprechtagen, Einzelberatungen und telefonischen Auskünften helfen sie Unternehmerinnen und Unternehmern, sich im Geflecht aus Richtlinien und Verordnungen zurechtzufinden. Sie ersetzen keine technische Prüfung, aber sie sorgen dafür, dass Betriebe wissen, welche Schritte notwendig sind, um ihre Produkte rechtssicher in Verkehr zu bringen. 

CE steht für „Conformité Européenne“. Mit dem Zeichen erklärt der Hersteller, dass sein Produkt allen einschlägigen EU-Richtlinien entspricht. 

Nein. Das CE-Zeichen ist keine Auszeichnung durch eine Behörde. Die Verantwortung liegt beim Hersteller oder Importeur. Er muss die Konformität nachweisen und dokumentieren. 

Für viele technische Produkte, unter anderem Spielzeug, Maschinen, Elektrogeräte oder Bauprodukte. Ob eine Pflicht besteht, hängt von der jeweiligen EU-Richtlinie ab. 

Je nach Produkt: Risikoanalyse, technische Dokumentation, Prüfberichte, Konformitätserklärung und korrekte Kennzeichnung. 

Die Industrie- und Handelskammern in Schleswig-Holstein unterstützen Betriebe bei allen Fragen rund um die CE-Kennzeichnung: 

  • Online CE-Sprechtage in Kiel, Lübeck und Flensburg 

  • Individuelle Einzelberatung  

Die IHK führt keine Produktprüfungen durch, hilft jedoch dabei, die gesetzlichen Anforderungen korrekt umzusetzen und rechtssicher anzuwenden. 

Text: Jana Walther
Foto: Jana Ealther, André Mikhaimer

Kontakt zur Expertin

Unsere Referentin für Umwelt- und Energiepolitik, Maria Erichsen, berät Sie gerne. Weitere Infos zu Sprechtagen, Einzelberatungen und telefonischen Auskünften finden Sie hier.

Maria Erichsen

Geschäftsbereich Standortpolitik, Innovation und Umwelt

+49 431 5194-362

Maria.Erichsen@kiel.ihk.de