Echt jetzt ?
Unternehmerinnen und Unternehmer gelten als rational, zielorientiert und effizient. Doch wer genauer hinschaut, entdeckt unerwartete Rituale, Eigenheiten und Überzeugungen abseits von Kennzahlen. Das Besondere hoppelt durch den Verkaufsraum, versteckt sich in Kalendern und KaffeeDates oder auf kleinen Zetteln unter Kopfkissen. Wer glaubt, Erfolg sei allein das Ergebnis klarer Strategien und sauberer Prozesse, verpasst die leisen, oft überraschenden Geschichten dahinter.
Da ist zum Beispiel die Unternehmerin, die ein indisches Frühlingsfest in das Pflegeheim Dat Marschhus im norddeutschen Haseldorf bringt. Für Vineeta Desai, Geschäftsführerin der Bridge Now GmbH, ist das HoliFest mehr als ein Farbspektakel – es ist gelebte Integration. Wenn sie mit Pflegekräften den Bewohnerinnen und Bewohnern farbiges Pulver auf die Wangen tupft, geht es nicht um Symbolik, sondern um Nähe. „Ich will bei dem Thema Pflege eine Brücke sein zwischen Indien und Deutschland. Deshalb bin ich auch gerne mit vor Ort und teile meine Kultur.” Ihre Plattform vermittelt Pflegekräfte aus Indien nach Deutschland. Entscheidend sind für sie nicht nur Fachkräftezahlen, sondern Anknüpfungspunkte: Kultur, Gemeinschaft, Menschlichkeit. Oder, wie sie es selbst formuliert: „Good care can’t wait.“
In Wacken, gehören zwei tierische Unterstützer ganz selbstverständlich zum Team: Hasen. Ohne Zaun, aber mit viel Anziehungskraft hoppeln sie zwischen Gemüse, Fashion und Dekoartikeln durch den Hofladen Die Diele. Die Vierbeiner prüfen neue Ware und lassen sich streicheln. Für Inhaberin Ines Schenk sind Clara und Fritz keine Marketingidee, sondern gewachsene Begleiter eines Ortes, der mehr ist als ein Laden. Hier geht es um Begegnung von Jung und Alt und um Selbstbestimmung im Alltag. „Mir war es wichtig, dass unser rund um die Uhr geöffneter Selbstbedienungsladen für Rollstühle, Rollatoren und Kinderwagen zugänglich ist. Und ein Sichtfenster auf das Nest der Hasen hat.“
Und dann ist da dieses Meeting der Strategie und Kommunikationsberatung Boy in einem Kieler Café. Keine Agenda, keine Präsentation, keine TodoListe. Stattdessen: echter Austausch. „Ehrlich, warm, beisammen“, so beschreiben Oliver Boy, Bärbel Boy und Stefanie Giese ihr Meeting der Geschäftsführung. Eine Begegnung, bei der sie sich bewusst Zeit nehmen füreinander – für Privates, Zweifel, Ideen. Was als Zeitverschwendung erscheinen mag, ist für sie der Kern ihres Erfolgs. „Unsere Beziehung ist der Humus, auf dem unser Unternehmen wächst“, sagen sie. Vertrauen entsteht hier zuverlässig, Strategien eher beiläufig – und vielleicht gerade deshalb nachhaltig.
Auch LarsHendrik Pirck setzt auf etwas, das sich nicht messen lässt: Beziehung. Sein Unternehmen, die CAICON GmbH, lebt von globalen Kontakten, von Reisen, von Präsenz. Doch mitten in diesem durchgetakteten Alltag für Brand und MerchandiseProdukte hat er ein Ritual etabliert, das leiser kaum sein könnte. Vor jeder Reise schreibt er kleine Zettel – für seine Familie, sogar für den Hund. Versteckt im Besteckkasten oder unter dem Kopfkissen, tragen sie Gedanken, Wünsche, manchmal auch einen Auftrag mit Augenzwinkern. Es ist seine Art, Nähe zu schaffen, wenn er physisch nicht da sein kann.
Manche Eigenheiten sind sichtbarer. Christian Wigger etwa hat sich einer Zahl verschrieben: der 13. Was andernorts gemieden wird, ist für ihn Glücksbringer und familiäre Tradition zugleich. Termine, Kennzeichen, Talismane – die 13 zieht sich durch seine Baumärkte wie ein roter Faden. „Bei der Zulassungsstelle in Neumünster kennt man uns und unseren Wunsch nach der 13 im Kennzeichen der Firmenflotte.“ Während in anderen Gebäuden die 13. Etage übersprungen wird, er und seine Schwester würden sie bewusst bauen. Vielleicht ist es Aberglaube. Vielleicht aber auch einfach Konsequenz in einer Welt, die oft nach Logik verlangt.
Und schließlich gibt es Unternehmer, die selbst Maschinen Namen geben. Bei Lais Kriwat, im Orthopädie und Sanitätshaus Kriwat GmbH, sind 3D-Drucker keine anonymen Geräte, sondern Teammitglieder, mit Namen. Nicht aus Sentimentalität, sondern aus Präzision. „Ich schreibe keinen Auftrag für den Drucker hinten links, sondern für LAVA.“ Denn wer täglich mit Technologie arbeitet, weiß: Auch sie verlangt Aufmerksamkeit, Pflege und ein Gespür für Details. Ein kleines Haar im Bauraum kann hier über Erfolg oder Fehldruck entscheiden.
Sechs Geschichten – und ein gemeinsamer Nenner: Unternehmertum ist immer auch persönlich. Es speist sich aus Überzeugungen, aus Erfahrungen, aus kleinen Ritualen, die Halt geben oder Orientierung schaffen. Echt jetzt? Ja, genau so. Vielleicht macht gerade das einen funktionierenden Betrieb zu einem Unternehmen mit Charakter.
„Ich bin froh, dass ich ein Teil dieser Freude sein darf.“
Vineeta Desai - Bridge now GmbH in Appen
„Ich bin beruflich viel unterwegs. Deshalb haben kleine Rituale eine große Bedeutung für mich.“
Lars-Hendrik Pirck - CAICON GmbH in Ahrensburg
„Es tut uns nicht gut, wenn dieser echte und ehrliche Austausch fehlt.“
Stefanie Giese, Oliver Boy, Bärbel Boy - boy Strategie und Kommunikation GmbH in Kiel
„Meine Mutter hat viele kluge Ratschläge bekommen, damit ich an einem 13. zur Welt komme. Hat nicht geklappt.”
Christian Wigger - C.J. Wigger oHG in Neumünster
„Ob Warenkontrolle oder Kundenservice – meine beiden Hasen sind freie Mitarbeitende.”
Ines Schenk - Hofladen „Die Diele“ in Wacken
„Ich schreibe keinen Auftrag für den 3D-Drucker hinten links, sondern für LAVA.“
Lais Kriwat - Kriwat GmbH in Kiel
